Kombination von digitalem und 35 mm-Filmmaterial zum Unterscheiden von Zeitebenen in Slumdog Millionaire
Slumdog Millionaire, der neueste Film von Regisseur Danny Boyle, bewegt Menschen überall und heimst weltweit Preise und Auszeichnungen ein, darunter den Oscar und Golden Globe in der Kategorie Bester Film. Der Film spielt in den Slums von Mumbai (früher Bombay) und erzählt die Geschichte des armen 18-jährigen Inders Jamal Malik (Dev Patel), der in der Hindi-Version von Wer wird Millionär? zum großen Schlag ausholt. Doch nicht alles ist, wie es scheint. Als dem Teenager vorgeworfen wird, sich seinen Erfolg zu erschwindeln, verlagert sich die Handlung auf das Entwirren der Ereignisse, die ihm seine 15 Minuten Ruhm brachten.
Die vielschichtige und nuancierte Geschichte verweigert sich einer einfachen Kategorisierung. „Als ich das Drehbuch las, kam es mir wie ein Film über das Erwachsenwerden, eine epische Geschichte über das Aufwachsen in Mumbai vor,“ sagt Cutter Chris Dickens, der für seine Arbeit an dem Film mit dem ACE-Award, BAFTA-Award und dem Oscar ausgezeichnet wurde. „Doch im Verlauf der Dreharbeiten rückte die Liebesgeschichte stärker in den Vordergrund. Aber auch andere Elemente spielen eine Rolle. Auf der einen Seite finden wir ein bisschen einen modernen Oliver Twist, auf der anderen einen Sporthelden wie Rocky. Der Film ist sehr schwer einzuordnen.“
Die Komplexität des Films, der in Indien gedreht wurde, war es, die das Projekt für Dickens so interessant machte. „Es war eine komplizierte Story mit überaus vielen Möglichkeiten. Ich erkannte die große Herausforderung für den Cutter, alle diese vielen Handlungsstränge und Rückblenden erfolgreich miteinander zu verbinden, die alle dem zeitlichen Ablauf der Gameshow unterliegen.“
Vertrautheit und Zuverlässigkeit waren die Gründe, warum wir uns für Avid-Systeme entschieden haben. „Unser Ziel war Indien, wo ich noch nie gearbeitet hatte. Ich wollte Systeme mitnehmen, auf die man sich verlassen kann.
- Chris Dickens, Cutter von Slumdog Millionaire
Vereinfachen eines komplexen Workflows
In einer Folge von Rückblenden werden die frühen Kindheitsjahre des Jungen und die ihn prägende Armut geschildert. Boyle wollte für diese Szenen eine unkultivierte Energie und Rauheit einfangen, die sich von den auf 35 mm aufgenommenen aktuelleren Szenen unterscheiden sollte, weshalb er die frühen Szenen mit speziellen SI-2K MINI-Digitalkameras aufnehmen ließ. Diese Kompaktkameras passen in einen Rucksack und eigneten sich deshalb besonders gut zum Einfangen der Atmosphäre und Lebendigkeit indischer Straßenkultur. Da diese kostengünstigen Kameras so einfach zu bedienen sind, kamen bei manchen Szenen bis zu fünf gleichzeitig zum Einsatz.
Aufgrund des großen Umfangs des Filmmaterials (auf herkömmlichem Film und Digitalband) aus einer Quelle, mit der er zuvor noch nicht gearbeitet hatte, reiste Dickens zwei Wochen vor Beginn der Dreharbeiten nach Indien, um den Workflow für das Schneiden zu testen und einen reibungslosen Ablauf zu gewährleisten. Seine beiden Assistenten und er arbeiteten mit zwei an ein Avid Unity-System mit acht TB angeschlossenen Media Composer-Arbeitsstationen, die von der britischen Ausrüsterfirma Gearbox Sound and Vision bereitgestellt wurden.
„Vertrautheit und Zuverlässigkeit waren die Gründe, warum wir uns für Avid-Systeme entschieden haben,“ sagt Dickens. „Unser Ziel war Indien, wo ich noch nie gearbeitet hatte. Ich wollte Systeme mitnehmen, auf die man sich verlassen kann. Während unseres Aufenthalts kam es zu Stromausfällen, Kameraproblemen und vielen anderen Schwierigkeiten. Doch mit den Avid-Systemen hatten wir nie ein Problem.“
Dickens und sein Team benötigten außerdem einen erweiterbaren Workflow, weshalb in London ein drittes Media Composer-System eingerichtet wurde, auf dem die Nachbearbeitung erfolgte. „Wir wussten, dass wir eine Menge Systeme am Laufen und enge Termine gegen uns haben würden. Wir brauchten ein Setup, dem wir bei Bedarf einfach weitere Arbeitsstationen hinzufügen konnten. Hierfür war das Avid Unity-System perfekt“.
Dickens spielte zuerst mit dem Gedanken, einen HD-Workflow für den Film einzusetzen, war sich aber hinsichtlich der HD-Unterstützung in Mumbai unsicher, weshalb er sich für einen Schnitt in SD entschied. Das Cutter-Team legte sich schließlich auf einen Workflow fest, bei dem 35 mm-Material per Filmabtaster von DigiBeta-Bändern erfasst wurde, während digitales Material von der Festplatte der Kameras als WMF-Dateien (Windows Media File) kopiert und anschließend in das Avid Media Composer-System eingespielt wurde.
Bei diesem Workflow ergaben sich Herausforderungen bezüglich der Farben. „Die Digitalkameras versahen die Dateien vorübergehend mit Farbänderungen, die wir aber nicht auf die WMF-Dateien übertragen konnten, weshalb wir sie selbst einer Farbkorrektur unterziehen mussten“, gibt Dickens an. Das Cutter-Team konnte dieses Problem mit Hilfe der Echtzeit-Farbkorrekturfunktionen der Media Composer-Software beheben. Farbvorlagen wurden für jede Szene einmalig erstellt und rasch auf alle anderen Aufnahmen einer Szene angewendet, um einheitliche, akkurate Farbpaletten für Schnitt und Vorführung zu generieren.
Die Avid-Schnittlösung ermöglichte Dickens außerdem das Mischen mehrerer Formate und Auflösungen auf derselben Timeline, einschließlich verschiedener Zeitlupen-Frames, die insbesondere für eine der Schlüsselszenen des Films mit der weiblichen Hauptdarstellerin Freida Pinto genutzt wurden, in der sie lächelnd auf einem Bahnsteig steht.
Die Flexibilität des Workflows wurde durch den Einsatz einer rein auf Software basierenden Avid-Lösung weiter gesteigert, die von einem der Assistenten für das Schneiden unterwegs oder zu Hause auf einem Laptop eingesetzt wurde. Der Laptop konnte zum sofortigen Aktualisieren von Medien mühelos mit dem Avid Unity-System in den Schneideräumen verbunden werden, sodass die Schnitte aller Beteiligten synchron bleiben konnten.
Es war eine komplizierte Story mit überaus vielen Möglichkeiten. Ich erkannte die große Herausforderung für den Cutter
- Chris Dickens, Cutter von Slumdog Millionaire
Einfangen des Temperaments Indiens
Der Fähigkeit des Avid Media Composer-Systems zur Verarbeitung, was immer zu verarbeiten war, kam angesichts des hohen vom Regisseur vorgegebenen Tempos große kreative Bedeutung zu. „Dies war meine erste Zusammenarbeit mit Danny Boyle. Er steckt voller Energie und ist zu einem bestimmten Grad teamorientiert“, gibt Dickens an. Die Avid-Systeme waren für die Realisierung eines hohen Schnitttempos sehr wichtig, insbesondere in Indien, wo Boyle Szenen unmittelbar sichten wollte, um sicherzustellen, dass das Ergebnis wie gewünscht war.
Die Filmemacher sichteten häufig Szenen in dem umfassenden Filmmaterial und fügten mit der Zeit immer mehr Material hinzu. „Das Besondere an Indien ist, dass wohin auch immer man die Kamera richtet, es immer etwas interessantes zu sehen gibt“, sagt Dickens. „Wir fügten immer weiter Dinge hinzu, insbesondere in den Szenen, in denen die Kinder im Film durch die Slums rennen, z. B. Großaufnahmen der Slums oder weitere Aufnahmen rennender Kinder oder von Kricketspielen.“
Das Cutter-Team stellte einen Schnitt so vollständig wie möglich zur Überprüfung zur Verfügung und nutzte umfassend die in die Media Composer-Software integrierten Tools für visuelle Effekte zur Verarbeitung der 300 visuellen Effektaufnahmen, hauptsächlich für die Fernsehbildschirme, die in den Gameshowszenen verwendet wurden. Dickens erzeugte außerdem einen umfassenden Soundtrack mit Musik und Soundeffekten, wozu er sich der 24-Spur-Audiofunktionen des Systems bediente. Vom Ton-Team wurden Digidesign Pro Tools-Systeme genutzt, wodurch der Workflow durch den schnellen Austausch digitaler Audiodateien weiter optimiert wurde.
Das schon fast schwindelerregende Tempo des Films hat dem Endprodukt kreativ sehr gut getan, was durch vier Golden Globes, sieben BAFTA-Awards und acht Oscars nachdrücklich unterstrichen wird. „Wir haben beim Erzählen der Geschichte viele verschiedene Dinge ausprobiert, uns aber an den Stärken des Drehbuchs orientiert. Wir haben versucht, Dinge zu beschleunigen, um zu sehen, wie sich das auf den Film auswirkt. Dadurch hat der Film seine Energie erhalten. Mit Details haben wir uns nicht lange aufgehalten. Wir haben einfach versucht, so kreativ wie möglich voranzukommen“, meint Dickens. „Die Arbeit war hart, aber sehr befriedigend. Danny Boyle vermag es, mehr aus den Leuten herauszuholen. Er ist sehr offen für Ideen. Man hat das Gefühl, gemeinsam mit allen anderen ans Ziel kommen zu wollen.“
Fotos: Ishika Mohan
